Reutlingen-Mittelstadt
Kirche, Gasthaus, Mühle: Das sind Mittelstadts beeindruckende Gebäude an der Neckarfront, heute wie vor ein paar hundert Jahren. Die Anfänge der Martinskirche auf ihrem Bergsporn über dem Fluss liegen im Dunkeln, sie dürften weit zurückreichen. Der heutige Saalbau im Jugendstil entstand 1912 nach Plänen des renommierten Stuttgarter Architekten Martin Elsässer. Die Mühle am Neckar – schon im 13. Jahrhundert bezeugt – gehörte wie viele Höfe und Grundstücke in Mittelstadt jahrhundertelang den Klarissen in Pfullingen, später wurde sie vom Haus Württemberg übernommen und schließlich an ein Mitglied der örtlichen Bäckerfamilie Röhm verkauft. Deren Nachfahren machten aus der Mühle einen modernen Gewerbebetrieb: ein mehrfach vergrößertes Elektrizitätswerk, das schon Anfang des 20. Jahrhunderts die Umlandgemeinden mit Strom versorgte.
Reutlingens nördlichster Stadtteil ist uraltes Siedlungsgebiet, wie umfangreiche Funde oder die Hügelgräber aus der Hallstattzeit zeigen. Schon die Römer bauten dort mit Stubensandstein. In mehreren Steinbrüchen fanden viele Mittelstädter Arbeit. Der Sandstein ist ein Stein für die Kunst: In Gestalt einer Säule am Eingang zur Sakristei der Martinskirche hat der örtliche Steinmetz Hans Hering um 1615 ein schönes Beispiel hinterlassen.
Gänse spielen in Mittelstadt eine große Rolle: Man findet sie als Statuen auf der Neckarbrücke und am Gansbrunnen und den Gansfuß im Wappen. Nicht zuletzt haben die Mittelstädter den Necknamen »Gänsfüß«.
Einige Funde deuten jungsteinzeitliche Siedlungen auf der Gemarkung an. Wenig südöstlich vom Ort stieß man an der Straße nach Reicheneck im Gewann Rebstock wohl auf einen Siedlungsplatz der Urnenfelder- und Hallstattzeit mit vielen Scherben von Keramikgefäßen. Im Wald Lachenhau sind einige große Grabhügel erhalten, die wohl ebenfalls in die Hallstattzeit gehören. Aus römischer Zeit ist ein Gutshof (villa rustica) im Vorderen Lachenhau teils untersucht worden, zwei Steingebäude und ein Bad sind nachgewiesen. Beim Zehnthof im Ort fand man römische Architekturteile. Der erst 1275 als Muttelstat genannte Ort mit der sicher alten Martinskirche und einem daneben gelegenen Steinhaus (ehemaliger Adelssitz) dürfte noch im frühen Mittelalter gegründet worden sein.
Ein roter Gansfuß auf weißem Hintergrund.
Der Ort nutzt seit 1930 einen Gansfuß im Dienststempel. Das Motiv soll auf „Gäsfüß“, den Necknamen der Mittelstädtler zurückzuführen sein und das Siegel wurde wahrscheinlich Anfang des 19. Jahrhunderts von einem Malermeister aus Mittelstadt entworfen. Das heutige Wappen wurde 1957 verliehen.