Mehrstetten
Nicht die Kriege der Vergangenheit, keine Feuersbrunst – eine verfehlte Planung des Landes hat in Mehrstetten Schäden hinterlassen. In den 1960er Jahren wurde die kleine Gemeinde vom Landwirtschaftsministerium zum »Musterdorf für Flurbereinigung« erkoren. Die Planungen sollten dann auf den gesamten ländlichen Raum übertragen werden. Attraktiv und modern sollte der Ort werden, was nach damaligem Verständnis hieß, ihn so städtisch wie möglich zu gestalten. Viele alte Gebäude wurden abgerissen, Bauernhöfe in die Landschaft ausgesiedelt, die Ortsdurchfahrt wurde überbreit ausgebaut, ein Wohngebiet weit außerhalb des Dorfes errichtet. Erst später setzte ein Umdenken bei den Behörden ein.
Die heute kleinste selbstständige Gemeinde im Landkreis Reutlingen entstand im frühen Mittelalter. Große Teile gehörten dem Adelsgeschlecht der Gundelfinger, wurden dann aber an das Haus Habsburg verkauft. Jahrhundertelang dauerte das Gerangel um Rechte und Besitz zwischen Österreich und Württemberg, bis das Dorf endgültig in das Herzogtum eingegliedert wurde. 1534 wurde es evangelisch.
Mehrstetten war ein stattliches Dorf, durfte im 19. Jahrhundert zwei Vieh- und Krämermärkte pro Jahr abhalten. Um 1900 reichte der Absatzmarkt der Molkerei bis nach Ulm. Mit dem Bahnhof Heutal bekam der Ort 1901 einen Anschluss an die Eisenbahn zwischen Münsingen und Schelklingen. Ein Heimatmuseum im ehemaligen Farrenstall dokumentiert das dörfliche Leben auf der Schwäbischen Alb im 19. Jahrhundert.
Die meist unscheinbaren Totenhügel in teils größeren Gruppen belegen eine überraschend dichte Aufsiedlung der hügeligen Landschaft im Norden des Ortes schon zur Bronzezeit. In der Urnenfelder- und der Hallstattzeit Zeit wurden zahlreiche Bestattungen noch in Grabhügeln angelegt, auch aus spätkeltischer Zeit und sogar frühmittelalterlicher Zeit gibt es Nachbestattungen in den Tumuli. Aus der Hohlenstein-Höhle stammen vorgeschichtliche aber einige mittelalterliche Funde, sie wurde wohl immer wieder zu unterschiedlichen Zeiten und Zwecken aufgesucht. Ansonsten fehlen Siedlungsplätze, eine römische Münze ist ohne Zusammenhang vom Ort überliefert. Der erst 1306 als ‚Merstetten‘ genannte Ort wird als alamannische Gründung angesehen. Bis auf eine Nachbestattung wohl der Zeit um 700 n. Chr. aus einem gut 2000 Jahre zuvor angelegten bronzezeitlichen Grabhügel im Fleckenhau sind aber keine Funde aus vorkarolingischer Zeit bekannt.
Zwei einander zugewandte und aufgerichtete, schwarze Pferde auf grünem Boden und weißem Hintergrund.
Das Wappen spielt auf den Gemeindenamen an, der sich von „Mähre“ ableitete und wahrscheinlich auf Pferdezucht hinweist. Der Ort führt das Wappen seit 1939.