Bad Urach

Heute ist die Uracher Altstadt umringt von Straßen, Parkplätzen und Gewerbebauten. In ihrer Glanzzeit als württembergische Residenz im 15. Jahrhundert thronte sie wie eine stolze Insel inmitten von Wasser. Erms, Elsach und Stadtbach waren aufgestaut zu breiten Gräben und Seen, die die ummauerte Stadt von allen Seiten umflossen, der Hirschsee und die Schwanenseen entstanden. Auch Urachs erstes Schloss stand als Wasserburg am Rand des Stadtbezirks. Es muss ein schöner Anblick gewesen sein.

Die Wasserburg ist verschwunden, ebenso die Seenlandschaft. Und doch hat die Stadt aus dieser Blütezeit vor über fünfhundert Jahren viel bewahrt. Schloss, Amanduskirche und ein Rathaus wie aus dem Bilderbuch: Die repräsentative Altstadt hat Urach dabei geholfen, sich immer wieder neu zu erfinden und umzuwandeln, von der Residenz zum Verwaltungssitz, vom Gewerbe- zum Kurort.

Tausende von Gästen aus dem In- und Ausland sah Urach zum ersten Mal in seiner Geschichte vor rund 550 Jahren, 1474, als die Hochzeit des Grafen Eberhard im Bart mit der ebenso reichen wie schönen Barbara Gonzaga aus Mantua glanzvoll gefeiert wurde. Für den kleinen württembergischen Hof, der wegen der Landesteilung von 1442 bis 1482 in Urach residierte, war das ein logistischer Kraftakt. Mit der verschwenderischen Prachtentfaltung – es sollen um die 150 000 Liter Wein geflossen sein, unter anderem aus einem Brunnen – beeindruckte das Haus Württemberg: Ein Jahr vor seinem Tod wurde Eberhard zum Herzog erhoben.

Auch nach dem Umzug des Hofes nach Stuttgart versank Urach nicht in der Bedeutungslosigkeit. Die Stadt blieb Verwaltungssitz, war bis 1938 Oberamt, entwickelte sich zum Markt- und Handelszentrum für die gesamte Umgebung. Hier entstand die »Privilegierte Uracher Leinwandhandlungs-Compagnie«, die im 17. und 18. Jahrhundert das feine Tuch international vermarktete, das von Hunderten Webern in der Stadt und den Albgemeinden produziert wurde. Aber nicht nur Leinen, sondern auch Wolle war für die Stadt ein wichtiges landwirtschaftliches Produkt: Seit 1723 wird hier alle zwei Jahre das Zunftfest der Schäfer gefeiert, früher als bedeutender Gerichtstag, heute als traditionsreiches Spektakel für Zehntausende von Besuchern.

Die Industrialisierung revolutionierte die Uracher Textilproduktion, an den Flüssen entstanden Fabriken. Die Stadt wuchs – um Arbeitersiedlungen ebenso wie um Villenviertel. Mit der Fertigstellung der Ermstalbahn 1873 rückten die Märkte des Neckarraums näher. Aber auch der Fremdenverkehr profitierte: Schon 1905 pries der erste Uracher Tourismusprospekt die Stadt als »Perle der Schwäbischen Alb«. Urachs Übernachtungszahlen liegen in guten Jahren bei rund 400 000. Nicht zufällig ist die Stadt heute der Sitz der Tourismusverbandes für die gesamte Schwäbische Alb.

Im Mai 1970 begann Urachs dritte oder vierte Blüte – seine Karriere als Bäderstadt. In rund 770 Meter Tiefe war die »Ermstal-Bohrgesellschaft« auf Thermalwasser gestoßen, gut sechzig Grad warm, ergiebig. Die ersten Badegäste saßen in großen Wannen unter Obstbäumen. Knapp zwei Jahre später wurde das Uracher Thermalbad eröffnet. Seit 1983 heißt die Stadt »Bad«, und in den Reha-Kliniken und Hotels des Kurgebiets erholen sich jährlich Tausende.

Einzelne Beile der Jungsteinzeit von der Gemarkung belegen ein eher sporadisches Aufsuchen vielleicht im Rahmen von Weidewirtschaft. In der Bronzezeit dürften einige der zahlreichen Grabhügel angelegt worden sein, die sich etwa in den Gewannen ‚Buckenläre‘ und ‚Fohlensteig‘ finden. Bronzezeitliche Funde kommen auch aus der Epenzillfelsenhöhle. Besonders hervorzuheben ist für die Hallstattzeit das 1898 nahe des Schlosses in der Talaue geborgene Wagengrab, das eine Bestattung der damaligen gesellschaftlichen Oberschicht anzeigt. Aus spätkeltischer Zeit stammen ein Grab beim Pfählhof mit Schwert und Lanze sowie eine Siedlung im Kaltental. 

Wichtigster Fundplatz des Landkreises ist sicher der Runde Berg. Einzelne Funde gehören schon in das Jungneolithikum. Seit der Bronzezeit wird mit einer regulären Besiedlung zu rechnen sein, das setzt sich mit Unterbrechungen durch nahezu alle Epochen mehr oder minder fort, insbesondere in der Urnenfelderkultur ist mit einer größeren Höhensiedlung zu rechnen. Bedeutend wird der Runde Berg aber vor allem in nachrömischer Zeit des frühen Mittelalter: von der Mitte des 4. bis zum Beginn des 6. Jahrhunderts lag hier eine prosperierende und gesicherte Höhensiedlung mit überregionaler wirtschaftlicher wie auch politischer Bedeutung. Nach einer Stagnation von fast 150 Jahren begann schließlich um 650 n. Chr. bis weit ins 11. Jahrhundert hinein eine weitere Phase der Besiedlung mit dem Charakter eines Herrschaftssitzes.

Drei frühmittelalterliche Friedhöfe sind in dem in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts als Uraha genannten Urach bekannt: am früheren Hirschsee (Neue Straße/Eichendorffstraße), unterhalb vom Tiergartenberg und im Neubaugebiet nordwestlich der Stadt.

Ein rotes Hifthorn mit blauer Fessel auf gelbem Hintergrund. Es steckt je eine rote, weiße und blaue Feder im Mundstück.

Bei der Neubildung der Stadt Bad Urach, die durch den Zusammenschluss der Gemeinden Sirchingen, Wittlingen, Hengen und Seeburg entstand, wurde das ehemalige Uracher Stadtwappen übernommen. Dieses gibt es seit dem Jahr 1316 und das Horn erinnert an das Wappen der Herren von Neuffen. Die Federn ahmen vermutlich den gräflich-württembergischen Helmschmuck nach.

Wappen Bad Urach

Historische Schwarzweißfotografie von Bad Urach. Darauf zu sehen ist unter anderem die Kirche St. Amandus.
© Kreisarchiv Reutlingen S 06_0270 / Metz Neg Nr. 173879

Luftbildaufnahme von Bad Urach. Darauf zu sehen ist unter anderem die Kirche St. Amandus.